Kirschessigfliege – Drosophila suzukii

Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) ist in Europa in den Jahren 2008/2009 erstmals und sich stark ausbreitend aufgetaucht, ihren Ursprung hat sie im asiatischen Raum. Die Kirschessigfliege stellt für den gesamten Obst- und Weinbau einen sehr bedeutenden Schaderreger dar, durch dessen Einschleppung und weitere Verbreitung in Europa zukünftig massive Probleme zu erwarten sind. Sie verursacht durch die Zerstörung der reifenden Früchte und die enorm schnelle Vermehrungsrate sehr große Schäden und daher auch sehr hohe Ertragsverluste in den betroffenen Anlagen.

„D suzukii female1“ von Martin Hauser Phycus - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 3.0-de über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:D_suzukii_female1.jpg#mediaviewer/Datei:D_suzukii_female1.jpg

„D suzukii female1“ von Martin Hauser Phycus – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 3.0-de über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:D_suzukii_female1.jpg#mediaviewer/Datei:D_suzukii_female1.jpg

Das Thema beschäftigt mich schon seit dem ersten Auftreten in Europa, ich verfolge die Entwicklung besorgt. Im folgenden sammle ich Erkenntnisse und Wissen zu dem Thema und versuche das alles zusammenzuführen.

 

Herkunft und Verbreitung:
Die Drosophila suzukii, Kirschessigfliege, gehört zur Familie der Taufliegen und kommt ursprünglich aus Asien (Südostasien). Durch den Transport von Früchten aus diesen Regionen wurde der Schädling erst vor wenigen Jahren nach Nordamerika eingeschleppt und erst seit wenigen Jahren, ca. 2009, in Europa. In Mitteleuropa wurde er erstmals 2009 in Italien (Trentino) und in Spanien festgestellt; in Südtirol wurde er erstmals 2010 nachgewiesen. In Österreich gab es im September 2011 die ersten Meldungen über ein Auftreten der Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) aus Tirol (Osttirol), der Steiermark und Kärnten. Einem österreichweiten Monitoring in 2012 und 2013 nach zu urteilenkommt die Kirschessigfliege bereits mehr oder weniger flächendeckend in Österreich vor. Im Jahr 2011 wurde sie erstmals in Deutschland nachgewiesen, auch in Südbaden wurden erste Exemplare 2011 entdeckt. In Deutschland konnte sie sich in 2012 und 2013 weiter verbreiten, in diesen Jahren waren die Schäden nicht sonderlich hoch. Bedingt durch den milden, warmen Winter ist im Jahr 2014 eine große Population zu finden, auch der Witterungsverlauf mit viel Regen in den Sommermonaten und nur gemäßigt warmen Temperaturen kommt ihrer weiteren Verbreitung und Vermehrung sehr zu Gute!

 

Aussehen und Leben der Kirschessigfliege (Drosophila suzukii):
Die gelblich bis braun gefärbte Kirschessigfliege unterscheidet sich von der mit ihre verwandten Fruchtfliege (Drosophila melanogaster) körperlich vor allem dadurch, dass die Männchen einen schwarzen Punkt am Ende des Flügels haben, die Weibchen nicht. Sie haben dafür den Ovipositor (Stachel zur Eiablage in den Früchten, der aussieht wie ein gezackter Säbel), der doppelreihig gezahnt ist. Vor allem sind die Fliegen dadurch zu Unterscheiden, dass die braunen Bänder am Abdomen/Hinterleib durchgängig sind. Bei der verwandten Taufliegenart ist diese unterbrochen. Damit durchdringt die Kirschessigfliege die Haut der Früchte und legt ihre Eier in das Innere der noch gesunden Frucht. Im Schnitt werden pro angestochener Frucht 2-3 Eier abgelegt, ein Kirschfruchtessigweibchen legt in etwa 400 Eier insgesamt. Indikator für die Eiablage sind die Luftschläuche die durch die Beerenhaut herausragen und hervorstehen und Dellen an der Beerenoberfläche unmittelbar über dem Ort der Eiablage. Beides kann man mit bloßem Auge nur schwer erkennen. In der Folge kommt es bei den befallenen Früchten zu Fäule durch pilzlichen oder bakteriellen Befall. Gerade bei kompakten Trauben infiziert die befallenen Beere dann direkt die gesamte Traube, und so weiter und so fort…! Es wird berichtet von Ertragsausfällen von bis zu 80%, teilweise sogar von einem Totalausfall der Ernte, bei Trauben und auch anderen Obstsorten.
Die Maden (Larven) der Kirschessigfliege entschlüpfen nach nur einem Tag den Eiern und fressen das gesunde Obst von innen heraus an. Das führt dann zu einer schnellen Fäulnis der Frucht, natürlich nicht nur bei den Weintrauben, sondern auch bei anderen Früchten, bevorzugt rote Beeren und Früchte. Die Verpuppung der Kirschessigfruchtlarven kann in der Frucht direkt oder auf dem Boden stattfinden. In 8-14 Tagen (je nach Witterung) schlüpft aus den Puppen die nächste Generation von 2-3 mm großen Kirschessigfliegen. Unter günstigen klimatischen Bedingungen entstehen so 12 bis zu 15 Generationen pro Jahr! Die Überwinterung erfolgt als ausgewachsene Fliege an geschützten Orten, was bedeutet, dass es im Winter frostfrei sein muss (Siedlungsgebiete). Es überwintern die Weibchen, die bereits begattet sind. Die Kirschessigfliege bevorzugt zwar gemäßigtes Klima, da die Fliegen aber bereits bei Temperaturen über 10°C aktiv sind, aber gerade nach milden Wintern ist auch in Deutschland mit einer weiteren starken Verbreitung auszugehen. Temperaturen von über 30°C können zu einer leicht erhöhten Sterblichkeit führen, ebenso Temperaturen von unter 0°C. Temperaturen von über 30 °C schränken die Aktivitäten deutlich ein und über 32 °C ist auch die Vermehrung der Kirschessigfliege stark eingeschränkt.

 

Ernährung und Wirtspflanzen:
Die Kirschessigfliege bevorzugt rot oder blau gefärbte Beeren in Kultur oder Wildobst wie Trauben (Tafeltrauben und Weintrauben), Erdbeeren, Kirschen, Him- und Brombeeren, Johannis- und Stachelbeeren, Heidelbeere, Pfirsich, Nektarinen, Pflaumen und Zwetschgen, Holunder aber auch Marillen und Aprikosen für die Eiabalge. Die dunkle Farbe der Früchte lockt sie wohl an. Bei den Weintrauben sind daher besonders Rotweinsorten gefährdet. Die Larven sind Polyphag, also Vielfresser. Die Kirschessigfliege findet über Sommer reichlich unterschiedliche Wirtspflanzen. Für den Weinbau ist dies eine Schwierigkeit, besonders in ertragsstarken Jahren für die anderen Obst- und Beerensorten. Die Kirschessigfliege findet perfekte Nahrungsversorung und kann sich herrlich vermehren und ausbreiten bevor die ersten Weintrauben sich zu verfärben beginnen. Ab diesem Tag können die Horden der Fruchtessigfliegen sich durch die Weinberge arbeiten, beginnend bei den frühreifen roten Rebsorten (z.B. Regent, Blauer Portugieser, Dornfelder) bis zu den spätreifenden Sorten wie zum Beispiel Spätburgunder oder Cabernet Sauvignon. Bevorzugt werden Sorten mit weicherer, dünnerer Haut fokussiert, hier kann die Eiablage einfacher erfolgen.

 

Gegenmittel und Vorsorgemaßnahmen:

  • Monitoring: Der Einsatz von Fallen zur Befallsfeststellung kann dienlich sein, um mehr über die Verbreitung und Population (bundesweit, regional aber auch lokal) zu erfahren. Eine Anleitung für den Bau von Fallen finden Sie weiter unten.
  • Vorsorge, Gegen- und Hygienemaßnahmen:
  1. Regelmäßiges Entfernen reifer und überreifer Früchte aus  Obstanlagen!
  2. Komplette Ernte von allen Früchten, nichts soll hängen bleiben!
  3. Früchte nicht einfach nur Kompostieren, da hier ein Überleben der Fliegen möglich ist! Eier und Larven durch eine Solarisation befallener Früchte abtöten, d.h. die befallenen Früchte werden in Plastikbeuteln oder unter Folienabdichtung intensiver Sonneneinstrahlung ausgesetzt, so dass Eier und Larven abgetötet werden!
  4. Entfernen und Vernichten befallener Früchte aus der Anlage durch tiefes Vergraben (mindestens 30 cm)!
  5. Einnetzen der Früchte bzw. Rebanlagen mit feinmaschigen Netzen, empfoheln wird eine Maschenweite von maximal 0,8 mm!
  6. Entblättern, bzw. Teilentblättern der Traubenzone! Die Kirschfruchtessigfliege mag es eher schattig.
  7. Löschkalk (Calciumhydroxid) und/oder Backpulver ausbringen!
  8. Das Ausbringen von Wasserglas (gelöstes Alkalisilikatpulver) soll, wie das weitere Botrytis-Bekämpfungsprogramm, seinen Beitrag leisten.
  9. Solidarität! Wie auch bei der Pheromonausbringung kann im Fall der Kirschessigfliege wohl nur durch flächendeckende Gegenmaßnahmen langfristig das Problem in den Griff bekommen werden.
  • Spritzmittel*

Grundsätzlich kann die Kirschessigfliege Drosophila suzukii, wie alle weiteren Fruchtfliegen, mit Insektiziden bekämpft werden. Mit folgenden Mitteln gibt es Erfahrungen:

  1. Spinosad (SpinTor)*- Zugelassen für die Verwendung im Weinbau in Deutschland. Die Anwendung von Spintor nach 19 Uhr sei deswegen wohl günstig, weil abends die Flugaktivität der Kirschessigfliege besonders intensiv sei und zudem kein Bienenflug mehr zu verzeichnen ist. SpinTor (Wirkstoff Spinosad) ist ein Insektizid zur Bekämpfung von schädlichen Raupen, Wickler-Arten (Springwurm), Thripsen, Minierfliegen und anderen Schadinsekten im Obst-, Gemüse- und Weinbau sowie vom Kartoffelkäfer. Das Spritzmittel Laser (z.B. in Teilen Italiens eingesetzt) ist in Deutschland derzeit ohne Zulassung.
  2. Indoxacarb (DuPont™ Steward®)* zeigte wohl in den USA gute Wirkungen gegen die Kirschessigfliege. Ist in Deutschland zugelassen auch für den Weinbau, eigentlich aber als „Insektizid zur Bekämpfung von Traubenwickler-Arten, Springwurm, Rhombenspanner, Zikaden und Ohrwurm“. Die Wirkung gegen Larven der Kirschessigfliege ist dementsprechend vielmehr ein sehr positiver Nebeneffekt!
  3. Pyrethrin* (hergestellt aus Extrakten der Chrysanthemenblüten) – Pyrethrine werden als insektizide Wirkstoffe gegen eine ganze Reihe von Schadinsekten verwendet, viele Präparate sind in Deutschland für den Weinbau (so weit ich informiert bin auch Öko!) zugelassen. Mit dem Mittel Piretro Verde von BioFa sollen bereits erste gute Ergebnisse erzielt worden sein.
  4. Pyrethroiden* (synthetisch hergestellt nach Vorbild der Pyrethrine) – Derzeit in Deutschland nicht zugelassen. Einige Mittel (z.B. Karate Zeon) waren im Obstbau zugelassen. Aus den USA ist bekannt, dass dort mit Pyrethroiden (Insektizide mit Wirkstoffen die an die Hauptwirkstoffe des natürlichen Insektizids Pyrethrum angelehnt sind) gute bis sehr gute Wirkungen erzielt wurden. Ein Hauptanwendungsgebiet für Pyrethroide ist der Einsatz gegen Schmetterlingsraupen im Anbau von Baumwolle. Pyrethroide werden weiterhin gegen eine Vielzahl von Schadinsekten angewendet und sind in vielen häuslichen Insektensprays enthalten.
  5. Phosphorsäureester/Dimethoat/Organophosphate/Alkylphosphate* – Derzeit in Deutschland wohl nicht zugelassen! U.a. die BASF bemüht sich um eine Zulassung für geringfügige Anwendungen zur Bekämpfung der Kirschfruchtfliege. Da Dimethoat (z.B. Perfekthion) sowohl ausgewachsene Kirschessigfliegen als auch Larven erfasst, wäre dieser Wirkstoff zur Bekämpfung der Kirschessigfliege ebenfalls sehr hilfreich.
  6. Neonicotinoide* ergaben nur eine begrenzte Wirkung gegen Eier und Larven und sind aufgrund ihrer Giftigkeit vor allem auch gegenüber Bienen ohnehin mehr als fragwürdig.

 

Mein Fazit:
Auch wenn seitens der Weinbauberater noch immer vielerorts vor einer Panik wegen der Kirschessigfliege gewarnt wird, so zum Beispiel Weinbauberater Bernhard Ganter in der Badischen Zeitung:

Weinbauberater über die Kirschessigfliege: „Panikmache ist nicht angebracht“

bin ich anderer Meinung! Regional häufen sich die Schadensmeldungen, überregional verhält es sich ähnlich, auch wenn mancherorts die Situatuon noch entspannter aussieht. Am Wochenende überzeugte ich mich von der Gesundheit der Trauben an der Ahr, hier werden aber sehr viel weniger frühreifende rote Sorten angebaut, der Fokus liegt mehr auf dem Spätburgunder. Die frühen Sorten wie Frühburgunder hingegen haben eine festere und dickere Haut, sind daher bei der Drosophila Suzukii weniger gefragt. Auch ist dort der Obstbau weniger stark verbreitet wie bei uns am Kaiserstuhl.
Fakt ist wir haben uns mit der Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) einen stark invasiven Schädling eingeschleppt der aufgrund seiner rasanten Fortpflanzung und Vermehrung, und der Tatsache dass er in Süd- und Mitteleuropa für seine dauerhafte Etablierung weitreichende ideale Lebensräume findet (Klima und Nahrung!) gegen den es aktuell kein zuverlässig geprüftes und zugelassenes Spritzmittel gibt. Das Gefährdungspotenzial für den Obst und Weinbau liegt in meinen Augen auf der Hand. Ich hoffe die Kirschessigfliege stellt den Weinbau nicht vor ein ähnliches Problem wie einst die Reblaus.

 

Bau einer Falle für die Kirschessigfliege:

Nehmen Sie ein 250 bis 750 ml großes Gefäß aus Plastik (Glas geht zwar auch, ist aber durch die Bruchgefahr weniger praktisch!) und versehen Sie es mit möglichst vielen, kleinen Löchern mit einem Durchmesser von 3-5 mm, nicht größer wegen Beifang! Geben Sie in das Gefäß Apfelessig oder eine Mischung Apfelessig mit Rotwein (und vielleicht sogar ein wenig Hefe) als Lockflüssigkeit und positionieren Sie die Fallen eher schattig. Laut Sebastian Feil hat sich als Fangflüssigkeit Holunderwein oder Holundersaft als wesentlich fängiger herausgestellt, als Apfelessig. Natürlich kann man auch einfach eine Kirschessigfliegenfalle kaufen, z.B. von Profatec.

 

Update 25.8.2014:

Wir waren heute in den Weinbergen unterwegs, ich habe versucht die Entwicklung und das Ausmaß in Bildern festzuhalten:

Entwicklungsstadien von Weintrauben mit Befall von Kirschessigfliegen

Entwicklungsstadien von Weintrauben mit Befall von Kirschessigfliegen (© Alexander Ultes)

 

Weitere Informationen:

*= Angaben unverbindlich und ohne Gewähr, bitte vor Gebrauch exakt prüfen!

6 Kommentare zu “Kirschessigfliege – Drosophila suzukii

  1. Pingback: Die Kirschessigfliege | VWS

  2. Hallo Herr Ultes,
    wenden sie den Löschkalk nur auf dem Boden an, oder auch auf Blättern und Trauben?
    ‚Hatte gerade eine Kundenanfrage aus BW, der Kunde meinte in RLP würden viele Winzer angebl. erfolgreich mit Löschkalkblattdüngung gegen die Drosophila_suzukii vorgehen.
    Wissen sie mehr darüber?
    Viele Grüße
    Manfred Gerber

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  3. Pingback: moer's BBQ Pit | Die Kirschessigfliege macht den Gärtner sauer

  4. Ich habe in einem Fernsehfilm gehört daß die Kirschessigfliege ab 30 Grad + abstirbt, stimmt das?

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  5. @Betz Rolf: Jain. Genau genommen verhält es sich so, dass Temperaturen von über 30°C zu einer leicht erhöhten Sterblichkeit führen, ebenso Temperaturen von unter 0°C. Temperaturen von über 30 °C schränken die Aktivitäten und über 32 °C auch die Vermehrung der Kirschessigfliege ein.
    Die hohen Temperaturen im Sommer 2015 waren in Deutschland ein Segen für die Winzer im Hinblick auf die Kirschessigfliege, der Befall war so natürlich durch das Klima stark eingeschränkt und nicht von allzu großer Bedeutung.

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